„Viele Hände, schnelles Ende“ – Jungnazis in Bremen

Seit 2024 tritt in Deutschland eine größere, junge Neonazi‑Szene in Erscheinung, in deren Fokus Mobilisierungen gegen CSD-/Pride‑Veranstaltungen, aber auch Übergriffe gegen andere, nicht in ihr Weltbild passende Menschen stehen. Alleine 2024 wurden u.a. 55 gezielte Angriffe auf CSDs erfasst. Parallel fanden bundesweit etliche Angriffe auf linke Zentren und Wohnprojekte statt. Generell gab es einen signifikanten Anstieg von neonazistischen Delikten und Gewalttaten.

Diese neue Nazi-Generation rekrutiert, vernetzt und inszeniert sich primär in den Sozialen Medien: Offene Selbstdarstellung und unverblümter Umgang mit NS-Symbolik, gegenseitige Mobilisierungen mitsamt verabredeten „Dresscodes“ usw. Modisch wird sich beim Skinhead-Look der 90er-Jahre oder im modernen Fitness-/Kampfsport‑Milieu bedient.

Zu den sichtbarsten dieser neuen Gruppierungen gehören u.a. die „Elblandrevolte“, „Deutsche Jugend Voran“ (DJV), „Der Störtrupp“ (DST), „Jung & Stark“ (JS) oder „Deutsche Mädels Voran“ (DMV). Eine vergleichbare Gruppe namens „Letzte Verteidigungswelle“ (LVW) steht aktuell in Hamburg vor Gericht.

Im Hintergrund wirken oft Kader von alt-etablierten Nazi-Strukturen wie z.B. „Die Heimat“/„Junge Nationalisten“ (JN), „Der Dritte Weg“/„Nationalrevolutionäre Jugend“ (NRJ) oder „Kampf der Nibelungen“ (KdN). Dazu gesellen sich regionale Multiplikatoren und etliche sonstige rechte Influencer*innen.

Ermöglicht und verstärkt werden all diese Entwicklungen durch einen gesellschaftlichen Resonanzraum, in dem LGBTQIA+ feindliche und andere neonazistische Positionen enttabuisiert und befeuert werden. Prominente Beispiele dafür sind der sog. „Stolzmonat“ aus dem AfD/JA-Umfeld oder Merz‘ „Stadtbild“-Hetze. All dies trägt zu einem Klima bei, in dem Hemmschwellen sinken und die Anschlussfähigkeit für Nazis steigt.

In Summe entsteht eine neue, junge, digital beschleunigte, gewaltaffine Nazi‑Szene. Ihre Mobilisierungskraft basiert auf der Normalisierung neonazistischer und queerfeindlicher Positionen, der Social-Media‑Vernetzung und etablierten Nazi-Strukturen.

Auch in Bremen!
Dieser bundesweite Trend ist auch in Bremen und im Umland zu sehen. Von vermeintlich jetzt auf gleich tauchen u.a. sehr junge Personen auf, die sich selbst als Nazis bezeichnen und sich auch dementsprechend online präsentieren. 2024 trat eine Gruppierung unter dem Namen „weserems.aktion“ auf unterschiedlichen Social-Media-Plattformen in Erscheinung. Die Gruppe war Teil der JN, der Jugendorganisation der Partei „Die Heimat“ (früher NPD).
Neben ihrer Online-Aktivität wurde sie auch zeitnah auf der Straße aktiv. Es folgten rechte Sticker, Hakenkreuzschmierereien, eingeschlagene Scheiben bei politischen Gegnern und Provokationen vor linken Orten. Besondere mediale Aufmerksamkeit erreichten sie, als sie zwei Transparente von einem Jugendzentrum entwendeten und ein Video dieser Aktion ins Netz stellten. Vor einem anderen linken Ort posierten sie nachts mit einem rechten Banner für ein Foto, um nach eigener Angabe „die Antifa“ zu provozieren (Auswahl dieser und ähnlicher Vorkommnisse).

Nazi-Sprühereien der weserems.aktion (2025)

Nazi-Sprühereien der weserems.aktion (2025)

Provo-Aktion der weserems.aktion (2025)

Provo-Aktion der weserems.aktion (2025)

Neben diesen lokalen Aktionen nahmen die weserems.aktion und andere regionale Nazis bundesweit an Aufmärschen teil, z.B. im Dezember 2024 in Braunschweig und Magdeburg, im Februar 2025 in Dresden oder im Mai 2025 in Gelsenkirchen und Herford. Einzelne aus der Gruppe waren auch im Dezember 2024 beim „Lunikoff“-Konzert im „Pusdorper Leuchtturm“ (Bremen-Woltmershausen) anwesend.

Regionale Nazis beim Aufmarsch in Magdeburg am 21.12.2024, von links nach rechts: Timo Nerke (ehemals Oldenburg, aktuell Schwarzenberg), Anna-Lena Benjes, Unbekannter Bremer (mit Bauchtasche), Martin Bock (grüne Hose). Ganz rechts Alexander Deptolla (Organisator "Kampf der Nibelungen")

Regionale Nazis beim Aufmarsch in Magdeburg am 21.12.2024, von links nach rechts: Timo Nerke (ehemals Oldenburg, aktuell Schwarzenberg), Anna-Lena Benjes, Unbekannter Bremer (mit Bauchtasche), Martin Bock (grüne Hose). Ganz rechts Alexander Deptolla (Organisator „Kampf der Nibelungen“)

Bremer Jungnazis der weserems.aktion unterstützen die AfD. Von links nach rechts: Collin, Tobias Deutsch, Kevin, Marcus Noack

Bremer Jungnazis der weserems.aktion unterstützen die AfD. Von links nach rechts: Collin, Tobias Deutsch, Kevin, Marcus Noack

Tobias Deutsch (Bildmitte) und Martin Bock (rechts) unterstützen den AfD-Stand am 15.03.2025 in Gröpelingen

Tobias Deutsch (Bildmitte) und Martin Bock (rechts) unterstützen den AfD-Stand am 15.03.2025 in Gröpelingen

Zur Struktur der weserems.aktion gehörten die folgenden Personen:

Martin Bock (Bremen)

Martin Bock (Bremen)

Martin Bock (Bremen-Mahndorf) ist seit mind. 10 Jahren in der Bremer Naziszene aktiv (siehe auch hier). Nachdem er zunächst nur vereinzelt an Aufmärschen etc. teilnahm, ist er seit ca. 2019 einer der umtriebigsten Nazis in Bremen. Er verlässt für gewöhnlich nicht ohne Messer das Haus. (Outing)

Marvin Dunker (Rotenburg Wümme) und Enrico Avagliano (Kirchlinteln). Beide fielen 2024 im Zusammenhang mit der weserems.aktion auf. Sie reisten stets als Duo zu Naziaufmärschen und vernetzten sich schnell in der bundesweiten Naziszene. Beide wohnten bis 2025 zusammen in einer Nazi-Wohngemeinschaft in Kirchlinteln und arbeiten gemeinsam bei einer Baufirma für Tief- und Leitungsbau in Verden. Dunker nahm als Kämpfer am „Kampf der Nibelungen“ teil. Beide zeigen sich in Rahmen politischer Aktivitäten für gewöhnlich provokant und gewaltsuchend.

Nazis der weserems.aktion in Dresden am 15.02.2025, von links nach rechts: Jolina Meyerhöfer (Rotenburg/W.), Marvin Dunker, Enrico Avagliano, Justin Schäfer (Kirchlinteln)

Nazis der weserems.aktion in Dresden am 15.02.2025, von links nach rechts: Jolina Meyerhöfer (Rotenburg/W.), Marvin Dunker, Enrico Avagliano, Justin Schäfer (Kirchlinteln)

Marcus Noack (Bremen)

Marcus Noack (Bremen)

Marcus Noack (Bremen-Huckelriede). Noack war Teil der Gruppe von Nazis, die nachts mit einem Banner vor einem linken Zentrum provozierte. Er verklebte reihenweise Nazi-Aufkleber, fiel online immer wieder durch antisemitische Posts auf und schmiss mit einem Stein die Scheibe des „Linke“-Parteibüros in der Bremer Neustadt ein.

Tobias Deutsch (Bremen)

Tobias Deutsch (Bremen)

Tobias Deutsch (Bremen-Gröpelingen). Deutsch beteiligte sich an Infoständen der AfD und schmiss die Fensterscheibe eines linken Ladens ein.

Anna-Lena Benjes (Bremen)

Anna-Lena Benjes (Bremen)

Anna-Lena Benjes (Bremen-Hulsberg). Outing

Unbekannter Bremer. Die unten abgebildete Person nahm an etlichen Nazi-Aktivitäten teil, z.B. an Aufmärschen oder Provo-Aktionen (siehe oben). War viel mit Martin Bock unterwegs und wohnt ebenso wie dieser in Bremen-Mahndorf.

Unbekannter Bremer

Unbekannter Bremer

Der Unbekannte und Martin Bock am Rand einer linken Kundgebung in der Bremer Innenstadt (2025)

Der Unbekannte und Martin Bock am Rand einer linken Kundgebung in der Bremer Innenstadt (2025)

Im März 2025 gab es eine Hausdurchsuchung bei Dunker und Avagliano, damals noch in ihrer gemeinsamen WG in Kirchlinteln. Gefunden wurde u.a. ein zuvor entwendetes Transparent. Im August 2025 folgten fünf weitere Hausdurchsuchungen in Bremen, bei denen Propagandamaterial und Waffen sichergestellt wurden. Unter anderem betroffen: Marcus Noack und Tobias Deutsch (s.o.).

Fazit
Seit einiger Zeit ist es um die oben beschriebene „weserems.aktion“ und ihre Mitglieder und Internet-Maulhelden merklich ruhiger geworden. Nicht zuletzt deutliche antifaschistische Gegenwehr hat dazu geführt, dass sie sich viel seltener in Straßen und im Internet zeigen. Damit reiht sich die „weserems.aktion“ in die Liste schnell gewachsener, dann antifaschistisch schnell auf Null gestutzter Nazigruppen ein. Ein ähnliches Schiksal ereilte schon die „Identitäre Bewegung“ (IB), oder „Gemeinsam Stark Deutschland“ (GSD), oder „Phalanx 18“, oder andere.

Maulhelden unter sich: Noah Schindler (vermutlich Landkreis Verden) und Enrico Avagliano

Maulhelden unter sich: Noah Schindler (vermutlich Landkreis Verden) und Enrico Avagliano

Für die Bekämpfung rechter Aktivitäten ist es nicht nur wichtig, diese zu dokumentieren und zu analysieren, sondern auch, den Akteur*innen den Raum zu nehmen. Onlineprovokationen mit Hakenkreuzen und Offline-Prollfotos sollten nicht zu Einschüchterung und Ohnmacht, sondern zu deutlicher Gegenwehr führen.

Wenn der Faschismus kommt, hilft es nicht, einsam und frustriert weiter zu scrollen. Was hilft: sich mit Freund*innen zusammen zu tun, sich gemeinsam zu empowern und antifaschistischen Widerstand zu organisieren.

Wenn Ihr Informationen oder Bilder von/über die oben erwähnten Nazis habt, meldet euch bei uns! Das gleiche gilt selbstverständlich für alle Personen, die im Artikel genannt oder gezeigt werden, und sich sicher sind, dass sie da ja gar nicht hingehören.